Alle Jahre wieder...

"Weihnachten, endlich", sagen die Einen.

"Schon wieder Weihnachten, alle Jahre wieder...", stöhnen die Anderen. An alle wendet sich dieses Buch mit dem Wunsch, dass die eine oder andere Geschichte Ihr Herz berührt.

 

 

Der beste Weihnachtsmann aller Zeiten

 

 

 

„Wer wird denn in diesem Jahr bei uns den Weihnachtsmann spielen?“, das fragte Sebastian´s Frau ihn einige Tage vor dem Fest.

 

„Da muss ich mir noch was einfallen lassen“, gab Sebastian unschlüssig zur Antwort. Sebastian und seine Frau Dörte hatten vier Kinder im Alter von fünf, sieben, zehn und zwölf Jahren. Daniel und Leni, die beiden Älteren glaubten schon länger nicht mehr an den Weihnachtsmann. Bei Alexander, der seit dem Sommer in die Schule ging, war sich Sebastian auch nicht sicher ob er wirklich noch an dessen Existenz glaubte. Lediglich Stella, ihr Nesthäkchen, glaubte ganz fest daran, dass der Weihnachtsmann ihr alle Wünsche erfüllen konnte und würde! Deshalb wollten die Eltern ihr diesen wunderschönen  Kinderglauben so lange wie möglich erhalten. Für Kinder war es schließlich eine wunderbare  Sache, dem Weihnachtsmann persönlich zu begegnen.

 

 

 

Bisher war es immer so gewesen, dass einer seiner Sportkameraden sich bereit erklärt hatte, im Hause Hoffmeister diese Aufgabe zu übernehmen. Die Kinder, und auch Dörte und er, hatten immer viel Spaß dabei gehabt. Inzwischen waren aber so gut wie alle selbst Familienväter und wollten natürlich am Heiligen Abend bei ihren eigenen Kindern sein. Aber alle freuten sich auch in diesem Jahr schon auf den Auftritt des Weihnachtsmannes bei ihnen, und deshalb mochte Sebastian seine Lieben auch nicht enttäuschen. Also überlegte er, wem er in diesem Jahr diese ehrenvolle Aufgabe übertragen könnte. Zunächst fiel ihm niemand ein; erst nach längerem Überlegen kam er auf die rettende Idee seinen Cousin Friedhelm um diesen Gefallen zu bitten. Friedhelm spielte einmal wöchentlich mit ihm Fußball. Seine beiden Töchter waren inzwischen erwachsen und so könnte er vielleicht am Heiligen Abend für ein Stündchen außer Haus sein, überlegte Sebastian. Die Sache hatte nur einen Haken. Vor etwa vierzehn Tagen, beim vorletzten Training, hatte er Friedhelm im Eifer des Gefechtes böse gefoult und zur nächsten Trainingsstunde war Friedhelm nicht gekommen. Ob er wohl noch sauer war? Aber Sebastian hatte sich doch bei ihm entschuldigt und sooo schlimm war die Sache ja nun auch nicht gewesen, fand er. Falls Friedhelm heute wieder nicht in der Sporthalle erschien, müsste er ihn zuhause anrufen und per Telefon fragen ob er den Job übernehmen konnte und wollte, entschied Sebastian. Friedhelm war ein netter Kerl und so hoffte Sebastian auch auf eine Zusage. Tatsächlich erschien sein Cousin abends pünktlich wie immer beim Training, und er begrüßte Sebastian zu dessen Erleichterung  völlig unbefangen. Das gab ihm den Mut Friedhelm seine Bitte vorzutragen.

 

„Klar mache ich das, gern sogar!“, versprach Friedhelm ihm sofort. Dann fragte er noch nach einigem was die Kinder im letzten Jahr verbockt hatten, damit er später dann als Weihnachtsmann dazu Stellung nehmen konnte. Es wurde abgemacht, dass Friedhelm gegen 17.00 Uhr bei Familie Hoffmeister vor der Tür stehen sollte. Der mit den Geschenken gefüllte Sack würde dann bereit stehen.

 

„Das Kostüm bringe ich Dir morgen vorbei“, schlug Sebastian vor, und auch damit war Friedhelm einverstanden. Sehr zufrieden mit sich, weil es ihm auch in diesem Jahr gelungen  war, einen tollen Weihnachtsmann aufzutreiben, fuhr Sebastian nach dem Training nach Hause. Dörte freute sich ebenfalls über diese Lösung.

 

„Friedhelm macht das bestimmt prima“, vermutete sie,  und damit sollte sie durchaus recht behalten!

 

 

 

Am Heiligen Abend wurden die Lichter am  geschmückten Weihnachtsbaum angezündet, und bei Kakao und selbst gebackenen Waffeln warteten alle gespannt auf den angekündigten Besuch des diesjährigen Weihnachtsmannes.

 

Pünktlich, zur verabredeten Zeit, klingelte es an der Haustür, und Alexander sprintete sofort los, um den Weihnachtsmann ins Haus zu lassen. Der kam mit seinem großen und sichtlich schweren Sack, einem goldenen Buch unter dem Arm und einer Rute ins Wohnzimmer gepoltert.

 

„Hallo!“, grüßte er fröhlich in die Runde.

 

Mit seinem Gardemaß von fast zwei Metern war Cousin Friedhelm wirklich ein absolut beeindruckender Weihnachtsmann, fand Dörte. Das Kostüm und dazu der weiße Rauschebart standen ihm ausgezeichnet. Dann zückte der Weihnachtsmann sein  golden eingeschlagenes Buch, runzelte die Stirn und wandte sich zuerst an Daniel:

 

„Hier steht, dass Du öfter Deine jüngeren Schwestern ärgerst und mit dem Aufräumen hast Du es auch nicht so – stimmt das?“

 

„Äh, na ja, so in etwa schon“, bekannte Daniel kleinlaut.

 

„Wirst Du das in Zukunft nicht mehr machen?“,  forschte der Weihnachtsmann und hob einmal kurz die Rute,

 

„Klar, ist doch nur Spaß gewesen, und die Mädels wissen das auch“, antwortete Daniel.

 

„Und was ist mit dem Aufräumen Deines Zimmers?“, auch daran erinnerte ihn der Weihnachtsmann noch einmal.

 

„Ja, ist ja schon gut“, murmelte Daniel verlegen.

 

„In Ordnung, aber halte Dich auch daran“, gab ihm der Weihnachtsmann mit auf den Weg, bevor er sich dem nächsten Kind zuwandte.

 

 

 

„So, jetzt wollen wir doch mal sehen, was über Leni in meinem Buch steht. Aha, Du machst immer Theater, wenn es ins Bett gehen soll.  Dafür kommst Du morgens nicht aus den Federn, ist ja logisch. Das muss besser werden, ist das klar?“

 

„Ja, auf jeden Fall lieber Weihnachtsmann“, stammelte auch Leni verlegen, aber froh darüber,  dass nicht noch mehr ihrer Untaten dem Weihnachtsmann zu Ohren gekommen waren.

 

Dann schaute der Weihnachtsmann erneut in sein großes Buch, und dieses Mal sah er Alexander an.

 

„So, so, Du gehst seit dem Sommer in die Schule, wie gefällt es Dir da?“, fragte er den verdutzten Alexander.

 

„Ganz gut, aber im Kindergarten fand ich es auch schön, eigentlich fast noch besser, da musste ich nicht so früh hin“, bekannte Alexander.

 

„Hier steht auch, dass Du schon mal die Katze der Hausmeisterin am Schwanz gezogen hast. Tu das ja nie wieder! Hörst Du, das musst Du mir jetzt ganz fest versprechen!“, forderte der Weihnachtsmann, und Alexander wurde knallrot.

 

„Es war wirklich nur ein einziges Mal, und sie hat auch gleich danach von mir noch ein Leckerli zum Trost gekriegt“, verteidigte er sich.

 

„Trotzdem, so etwas tut man nicht und das nächste Mal werde ich ganz bestimmt sehr böse“, antwortete der Weihnachtsmann und wieder wackelte er mit seiner Rute bedrohlich vor Alexanders Nase.

 

 

 

„Kommen wir jetzt zu Dir Stella. Du bist ja ein liebes Mädchen, das steht hier jedenfalls. Allerdings meckerst Du beim Essen und magst vor allem kein Gemüse, da bist Du ganz schnäkig. Das solltest Du aber öfter einfach mal probieren, es gibt bestimmt dabei auch etwas was auch Du lecker findest.“

 

Stella, die den Weihnachtsmann bisher nur  mit staunenden Augen angesehen hatte, versprach ihm ebenfalls schleunigst sich zu bessern, und der große Mann im roten Anzug gab sich damit zufrieden.

 

 

 

Soweit so gut, aber dann holte der große Weihnachtsmann einmal noch zu einem wahren Überraschungsschlag aus. Er fragte die Kinder nämlich: „Was ist eigentlich mit Euren Eltern, seid Ihr mit denen zufrieden? Waren die auch immer lieb zu Euch?“

 

Völlig irritiert sahen alle ihn an, und es war Alexander, der als erster den Mut fasste ihm zu antworten, indem er sagte: „Papa ist manchmal etwas streng, aber Mama, die ist total in Ordnung!“

 

„Ja, Mama ist lieb“, bestätigte auch Stella.

 

„Aber Papa, der hat mir neulich Hausarrest gegeben, nur weil ich eine schlechte Note mit nach Hause gebracht habe, das war unfair“, verriet Daniel dem Weihnachtsmann und grinste, denn er wusste inzwischen genau, wer in dem Weihnachtsmannkostüm steckte.

 

„So, dann muss ich Eurem Papa wohl jetzt erst mal die Flötentöne beibringen, bevor ich den Sack auspacke“, brummte der Weihnachtsmann, zückte seine Rute und kam damit Sebastian bedrohlich nahe. Im nächsten Moment sah die Familie tatsächlich zu, wie die Rute des Weihnachtsmannes, mit einem gut platzierten Schlag, auf Sebastians Hinterteil landete.

 

„Du darfst Dich nie, wirklich niemals wieder und zu wem auch immer, unfair verhalten! Wehe Dir, wenn ich das noch einmal mitbekommen sollte, dann geht’s Dir aber schlecht, darauf kannst  Du Dich verlassen!“, schimpfte er dabei und schlug weiter auf Sebastian ein, der inzwischen lachend durch das Wohnzimmer hüpfte, um sich vor dem scheinbar wütenden Weihnachtsmann in Sicherheit zu bringen. Alle bogen sich vor Lachen, nur Stella verzog das Gesicht und war kurz davor in Tränen auszubrechen. Aber als sie sah, dass auch ihr Papa lachte, beruhigte sie sich schnell wieder und freute sich mit der übrigen Familie über diesen Spaß.

 

 

 

„Jetzt ist es aber genug“, fand auch der Weihnachtsmann schließlich, und begann endlich damit den Inhalt seines großen, schweren Sackes zu verteilen. Dazu kam auch Stella sofort wieder näher.

 

 

 

Kurze Zeit später, nachdem alle Geschenke an die Kinder verteilt worden waren, und der tolle Weihnachtsmann sich bei einer Tasse Kakao und einer leckeren Waffel gestärkt hatte, verabschiedete er sich. Und alle waren sich einig – das war wirklich der beste Weihnachtsmann aller Zeiten, der sie heute besucht hatte! 

 

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